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Porzellantauben: Wie Mythen entstehen und gepflegt werden

Auf der VDT in Köln 2003 stand eine wunderschöne Gruppe als porzellanfarben ausgestellter Eistauben, fast alle hoch ausgezeichnet. Kurze Zeit später wurde die Illusion, erstmals schöne Porzellantauben, die sonst nur durch die alte Literatur geistern, gesehen zu haben, jäh zerstört. Reiner Wolf als Vorsitzender der Sparte Tauben des BZA stellte klar, dass es sich bei diesen mit Spiegelschwänzen- und –schwingen ausgezeichneten Tieren zwar um aparte Tauben, aber eben nicht um Porzellanfarbene im Sinne der Musterbeschreibung (kleine Finkung auf den Schwingen, ein kleiner weißer Punkt auf den Schwanzfedern, zart rötlicher Übergang der weißen Schuppung in den schwarzen Saum), handelte.

Eigene Recherchen durch die Literatur lassen den Eindruck entstehen, dass es sie in der Vergangenheit in der gewünschten Färbung wahrscheinlich nie gegeben hat. Die Beschreibungen sind sehr unterschiedlich. Die Einschätzung im Mustertaubenbuch von Neubart und Wittig (1925), dass diese eigentlich nur weißgeschuppte Eistauben mit brandig-rötlicher Zwischenzeichnung seien, erscheint nachvollziehbar und dürfte die damals vorhandenen Tiere gut beschreiben. Es handelt sich bei dem Versuch, die Porzellantaube „wieder“ entstehen zu lassen, daher nicht um die Wiederherstellung von bereits einmal ausgestorbenem Kulturgut, wie es in dem Beitrag in der Geflügelzeitung Nr. 8/2006 heißt. Man kann nur wiederherstellen, was es schon mal gegeben hat. Eingang in die Musterbeschreibung und Aufnahme als Zeichnung in das „Illustrierte Prachtwerk sämtlicher Taubenrassen“ von Schachtzabel, das in der ersten Auflage um 1911 erschienen ist, haben sie wahrscheinlich durch Hugo de Roi gefunden, der immer wieder als großer Verfechter der Rasse genannt wird.

Fotos aus damaliger Zeit und auch aus späterer Zeit existieren offenbar nicht, denn es wird immer wieder Bezug auf die Farbtafel „im Schachtzabel“ genommen. Nun sind Zeichnungen manchmal zur Darstellung von Idealen besser als Fotos, beweiskräftig sind sie nicht. Hinzu kommt, dass auch das auf dem Bild gezeigte weißbindige Tier nicht korrekt getroffen ist. Die Schwanzbinde ist in Natura dunkel, fast schwarz, hier ist sie ausgebleicht matt grau. Das fördert nicht gerade das Vertrauen darauf, dass die Tauben nach der Natur gemalt worden sind, einschließlich der Porzellantaube. Das dem Artikel beigegebene Foto aus der Zucht von Adam Aul, 1985, erscheint wie angemalt und ist nach meiner Einschätzung recht plump manipuliert.

  

 

 

Schachtzabel 1911 (und 1925)                                                                          Aul 1985 

Dass auf den Ausstellungen um 1900 Porzellantauben nach alten Katalogen gezeigt worden sein sollen, sagt noch nichts darüber aus, wie diese ausgesehen haben. Wenn sich in 50 Jahren einmal jemand für Porzellantauben interessieren wird, dann wird er beim Studium unserer Ausstellungskataloge auch zu dem Ergebnis gelangen, dass es vor 50 Jahren Porzellantauben gegeben habe muss. So standen sie laut Katalog nach der Schau in Köln mit immerhin sechs Exemplaren auf der VDT im Dezember 2004  in Sinsheim und wurden mit sehr gut und gut freundlich bewertet. Auch wenn der Beobachter in 50 Jahren die Fachzeitschriften mit Berichten über die heutigen Schauen nachliest, wird er der Meinung sein, es hätten dort porzellanfarbene Tauben gestanden. Vielleicht wird er auf  das VDT Journal „Die Rassetaube“ 2/2005 stoßen und angesichts des abgebildeten Tieres, immerhin mit sg93 Z bewertet und prämiert, Zweifel bekommen. Insgesamt betrachtet geben viele unserer Berichte über Ausstellungen und auch über einzelne Rassen keine zutreffenden Informationen und früher wird es nicht viel besser gewesen sein.

          

Vermeintliche Porzellantauben auf der VDT Sinsheim 2004

Und in der Tat standen auf der Schau in Sinsheim „unter anderem Tiere völlig ohne Spiegel und mit einer etwas zurückgedrängten Ausfärbung der Schwingen, aber auch Tiere, wie im Jahr zuvor auf der VDT, mit Spiegelzeichnung der Orientalischen Mövchen in Schwingen und Schwanz“. Das kann man mit Foto auch auf dieser Homepage unter dem Ausstellungsbericht über die Schau in Sinsheim nachlesen und an den beiden abgebildeten Tauben (farblich garantiert nicht retouchiert) erkennen.  Eher mythenbildend als informativ ist in dem Beitrag in der Geflügelzeitung 8/2006 auch die Abbildung eines Täubers aus dem Jahr 2005, der ohne Kommentar als porzellanfarbig akzeptiert zu werden scheint. Der Schwanz ist wohl einfarbig. Das Tier ist aber so fotografiert, dass man selbst das nicht eindeutig erkennen kann. Die Spiegel in den Schwingen entsprechen den Spiegeln der Orientalen und gehen über den gewünschten „Punkt“ hinaus. Die schon im Jahr 2004 gezeigten Tiere sahen sehr attraktiv aus und es bleibt daher die auch im VDT-Journal gestellte Frage, warum sie eigentlich wieder verschwinden sollten. Natürlich kann man durch Selektion die Spiegel zurückdrängen, auch bei den Orientalen fällt nicht alles mit den gewünschten weißen Spiegeln im Schwanz. Vielleicht ist auch bei den Eistauben irgendwann eine Annäherung an das von Hugo de Roi postulierte Ideal möglich, man sollte das Ergebnis in der Berichterstattungen über Rassen und Farbenschläge aber nicht vorwegnehmen, sonst leidet die Glaubwürdigkeit und Mythen werden fortgesponnen.  So ist es für den Leser von Schauberichten schon wichtig zu wissen, ob das, was dran stand, auch drin stand.