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Herkunft, Entstehung und Verwandtschaften von Rassen: Literaturanalysen versus molekulargenetische Clusterbildungen

Die Notwendigkeit molekulargenetischer Analysen der Verwandtschaften von Taubenrassen und Gruppierung nach Gemeinsamkeiten der DNS wird auch damit begründet, dass im Unterschied zu anderen Haustierrassen die Entstehung sehr viel schlechter dokumentiert sei und a priori Hypothesen damit ausgeschlossen seien (Pacheco u.a. 2020). Eine Unterschätzung der Fülle der Literatur. Auch wenn Züchter über ihre ‚Geheimnisse‘ bei Kreuzungen oft nicht gerne sprechen, bleiben für die Rasseentwicklung bedeutende Einkreuzungen nicht verborgen. Sie werden nicht nur in den zahlreichen Monographien über Taubenrassen und Taubenzucht dokumentiert. Züchter selbst und Wegbegleiter der Züchter berichten in den nach 1850 aufkommenden Fachzeitschriften. Wesentliche Einschnitte in der Rasseentwicklung werden in Vereins- und Rassechroniken erfasst und kommentiert.

Erste Rassebeschreibungen in Europa durch Willughby

Einen Meilenstein bei der Dokumentation von Taubenrassen stellen die posthumen Veröffentlichungen von Willughby 1676 in Latein und 1678 in Englisch dar. Sie wurden international in der ornithologischen Literatur wahrgenommen und zitiert. Aufgezählt und kurz beschrieben werden siebzehn Rassen und Rassegruppen. Darunter u.a. Riesentauben (Runts), Kröpfer, Pfautauben, Tümmler, Mövchen und der Carrier als Botentaube des Türkischen Reiches. Genannt wírd mit dem Light-Horseman auch eine Kreuzung zwischen den Gruppen. Er ist aus der Kreuzung zwischen Carrier und Kröpfer hervorgegangen (1678, S. 182). Horseman ist offenbar für Willughby ein Synonym für Carrier. Der Light Horseman ist die leichtere und agile Variante. In der deutschen Literatur wird er später zum Horseman-Kröpfer, in der französischen zum ‚Cavalier‘.

Willughby 1678

Spielarten und Rassegruppen bei Bechstein um 1800.

Einen weiteren Meilenstein stellten Bechstein Beschreibungen der Haustaube in der Naturgeschichte der Vögel Deutschlands dar (1795, 1807). Bechstein bezieht sich u.a. auf Frisch (1765) und Buffon (1772). Bei den heimischen Feld- und Farbentauben wurden über 100 Farb- und Scheckvarianten als Spielarten unterschieden, darunter auch schon einige mit Hauben und leichter Befiederung der Füße. Regionale Rassenamen wurden nicht vergeben. In Thüringen würde man allerdings Schwalbentauben ‚Nürnberger‘ nennen, weil diese zuerst von dort gekommen seien. Daneben nannte er noch 13 fremdländische Rassen wie Mövchen, Tümmler, Kröpfer und Trommeltauben, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen seien. Regionale Benennungen führte er nur für die Polnische Tauben, in Deutschland auch Indianer genannt, und die Türkische Taube an. Letztere in Deutschland auch Post-Taube und bei Willughby der Carrier aus dem Türkischen Reich. Zu den ausländischen Tauben wird man auch die 1795, mit Bezug auf Buffon genannten Weiß-Atlasfarbigen mit rotem Halbmond der Schweizertauben zählen müssen. Den Mond würde man in Thüringen sonst nur bei den blau-schwarzen Starenhälsen mit weißem ‚Halsband‘ und weißen Binden kennen (1795, S.23).

Die Unterteilung der Spielarten der Feld- und Farbentauben in Rassen und Kreuzungen mit anderen Rassegruppen

Für Bechstein waren Feld- und Farbentauben noch unterschiedliche Spielarten derselben Rasse. Das änderte sich mit der Gründung der ersten Geflügel- und Taubenzuchtvereine nach 1850. Unterschiede wurden bewusster wahrgenommen und durch Zuchtauslese verstärkt. Spielarten der Feld- bzw. Farbentauben wurden zu neuen Rassen.

Auch die ‚fremdländischen‘ Rassen verzweigten sich. Sie wurden reichhaltiger durch Varianten aus den Ursprungländern. Diese wurden in den Regionen Deutschlands nach unterschiedlichen Vorstellungen weiterentwickelt. Gustav Prütz spottete darüber, dass jede Stadt ihre eigene Rasse haben wollte. Für Außenstehende unterschieden sich z.B. Tümmler mit unterschiedlicher Bezeichnung nur in Nuancen.

Dietz/Prütz 1883

Kreuzungen zwischen den Rassegruppen sind reichlich dokumentiert. Neumeister zeigte 1837 Kreuzungen von Trommeltauben mit Farbentauben als ‚Bastardtrommeltauben‘. Eine Vorstufe späterer Deutscher Trommeltauben und bei den Farbentauben die Übernahme von Masse und Federstrukturen in einige Spielarten. Von den Trommeltauben auch übernommen die Schnabelnelke der Pfaffentaube.

Source: Sell, Taubenrassen (2009)

Der Weg zu Rassebenennungen und zu einer Dachorganisation

Die Zunahme der Rassen erfolgte anfangs ohne offizielle Standards, ohne einheitliche Rassenamen und ohne Dachverband. Um das zu ändern wurde 1869 von 20 Vereinen ein erster Züchtertag in Dresden abgehalten (Doll 1981, S. 49ff). Vereinbart wurde eine Untergliederung der Rassen in Gruppen. Eine noch zu wählende Kommission sollte Vorschläge für die Namen der Rassen machen.

1871 preschte der Buchhändler Gustav Prütz aus Stettin vor und schaffte Grundlagen. Nach dem in Dresden vorgegebenen Gruppenschema beschrieb und benannte er Rassen in seinem Buch Arten der Haustaube“ (Vorwort zur I. Auflage). 1874 kam eine verbesserte II. Auflage und 1878 eine III. Auflage. Letztere baute auf der Klassifikation von Dietz=Frankfurt a.M. auf. Eingegangen sind Teile davon davor in die Neubearbeitung des ‚Neumeisters‘ durch Prütz 1876. Die anstehenden Probleme bis zur Gründung eines Dachverbandes 1881 als ‚Deutscher Geflügelzüchter-Klub‘ werden aus den Berichten von Prütz zum vierten (Leipziger) Geflügelzüchter-Congreß in der Columbia Nr. 28/1878, S. 392-399, deutlich.

Dokumentierte Umbrüche in der Entwicklung von Taubenrassen.

 

Es ist viel mehr über markante Umbrüche in der Entwicklung von Rassen dokumentiert als hier aufgezeigt werden kann. Markant ist der Umbruch der Figuren durch Einkreuzungen Französischer Bagdetten in Englische, Deutsche und Polnische Langschnäbler und in die Berliner Langen.

In England schuf der Züchter und Künstler A.J. Simpson 1909 mit seiner berühmten „Simpson-Elster“ ein übertriebenes Kunstwerk. Zu diesem Zeitpunkt experimentierten einige Züchter bereits mit Kreuzungen. William E. Cooke überkreuzte Elstern mit französischen Bagdetten. In wenigen Jahren von 1908 bis 1910 schuf er die moderne englische Elster: „Sie brachten Elstern hervor, die eine Sensation für die Sorte waren, Vögel, wie man sie noch nie zuvor gesehen hatte. Züchter schauten sie an und rieben sich verwundert die Augen. Im Palast sorgten sie für beträchtlichen Aufruhr“ (House 1920).

Tauben Lyell 002  Tauben scan  März 2009 004 

Elster-Tümmler (Lyell 1887), Simpson Elster 1908, die berühme £100-Täubin, gezeigt von Bracey&Cooke auf der Crystal Palace Show 1912 (House, 1915), Elster-Tümmler 1938, Champion der Elstertümmler, N.P.A. Show, Philadelphia 1940 (Levi 1969, p. 112)

Bei Berliner Langen zeigte Erich Klein (1920) ein typisches Kreuzungsprodukt mit Französischen Bagdetten.

            

Berliner Lange XE "Berliner Lange"  (Kreuzungsprodukt und Flug-Typ bei Klein XE "Klein"  1920 (Quelle: Sell, Taubenrassen 2009).

Kreuzungen mit Französischen Bagdetten veränderten auch die Figuren der Malteser und einiger anderer Huhntauben. Das ist in vielen Quellen nachgezeichnet. Offenkundlich wird der Wandel bei den von Dürigen 1886 and 1906 als neuen bzw, alten Typ gezeigten Abbildungen. Der Niederländer Spruijt who, der um diese Zeit in Dresden studiert hatte, berichtete über solche Kreuzungen.  

Dürigen 014  Dürigen 016

Modena, Florentiner und Maltese alten Typs (links) und Malteser neuen Typs (rechts) bei Dürigen 1886 bzw. 1906. Quelle: Sell, Taubenrassen 2009

Nachgezeichnet wurde auch die lange durch Fehlinformationen überlagert Entwicklung zum Englischen Carrier, der in der Neuauflage des Neumeisters 1876 korrekt die ‚Englische (gradschnäblige) Bagdette‘ genannt wird (S. 37).

               

Französische Bagdette und Englischer Carrier (Source: Sell, Taubenrassen 2009)

Für die Entwicklung der modernen Brieftaube wird in Anlehnung an den Lütticher Chapuis (1865) aufgezeigt, dass es eine eigenständige Entwicklung in Belgien war. Wesentlich geschaffen aus Hochfliegern (Cumulets), Mövchen und Camus. Der Camus kannte Chapuis nur noch aus Erzählungen, von der Beschreibung der Polnischen Taube ähnlich, die Buffon 1772 und Boitard/Corbié 1824 abgebildet haben.

 Der Englische Carrier bei Levi stellt in der Ahnentafel explizit einen toten Ast dar. Der aufgezeigte mögliche Einfluss von Dragoon und Horseman scheint nach neueren Erkenntnissen, auch die eigene frühere Einschätzung, eher überzeichnet. Zum gleichen Schluss kommt auch Christian Reichenbach in seiner umfassenden Recherche der Entwicklung der Taubenrassen in Europa, der von der völlig selbstständigen Erzüchtung von Streckenflugtauben Anfang des 19. Jahrhunderts in Belgien schreibt (Reichenbach 2000, S. 28).

Wesentliche Ursprungsrassen der Belgischen Brieftaube, zusammengestellt aus Abbildungen bei Boitard/Corbié 1824

Alles belegt durch weit zurückgehende Quellen u.a. in der umfangreichen Bibliothek des Nürnberger Taubenmuseums, die wir dem Begründer Karlheinz Sollfrank (27.10.1936-03.04.2026) zu verdanken haben. Seine Leistung wird unvergessen bleiben. Ein Dank auch, dass der Verfasser diese Sammlung für Recherchen nutzen durfte.

 

The Nuremberg Pigeon Museum

Molekulargenetische Analysen der Verwandtschaftsverhältnisse.

Unvoreingenommen an eine Untersuchung heranzugehen und die Literatur zu vernachlässigen, hat auf den ersten Blick Vorzüge. Falsche und interessengeleitete Aussagen, die über lange Zeiträume weitergetragen werden, gibt es auch in der Literatur über Tauben reichlich. Quellen müssen daher auch evaluiert werden. Die generelle Vernachlässigung beinhaltet bei empirischen Untersuchungen aber das Risiko, bekannte oder die wahrscheinlichsten Ahnen nicht zu berücksichtigen. Oft ist das ohnehin nicht möglich. Die bei der Entstehung der modernen Brieftaube beteiligten Cumulets z.B. waren zwischenzeitlich ausgestorben, den Camus hatte man schon Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch in der Erinnerung. Für Cumulets könnte der Tippler und könnten andere längerschnäblige Hochflieger ersatzweise in empirischen Analysen herangezogen werden. Aber auch für solche Entscheidungen braucht man Ansatzpunkte.

In einer Untersuchung waren wohl zufällig Birmingham-Roller die einzigen Vertreter der längerschnäbliger Hochflugtauben (Bigi et al. 2016). Für mit alter Literatur Vertrauten nicht überraschend, zeigten sie nach den Schönheitsbrieftauben die geringste genetische Distanz zu den Brieftauben. Bei der Interpretation tauchten sie, als wäre es ein ‚statistischer Ausreißer‘, nicht auf. Damit eine wesentliche Verzerrung. Geringschätzung der historischen Literatur geht mit flüchtigem Lesen und damit falscher Interpretation von Quellen einher. Wie in der genannten Quelle (S. 180) mit Bezug auf Levi die mehrfach falsche Behauptung, der Englische Carrier habe wesentlich an der Schaffung der modernen Brieftaube vor etwa 200 Jahren in England und Belgien beigetragen (vgl. hierzu Sell 2026).

Falsche Vorstellungen durch unzureichende Sichtung der relevanten Literatur führen auch dazu, DNS-Befunde aus vorbelasteter Perspektive zu interpretieren. Überwunden geglaubte Fehlaussagen in alten Schriften werden wieder belebt und erhalten zudem noch den Stempel der Wissenschaftlichkeit.

Für die Methodik in den Studien spricht, dass nach einer langen Zeit, in der auch die Rassegruppen vielfach miteinander gekreuzt wurden, die meisten Farbentauben sich in Abhängigkeit von der Zahl der Gruppen im selben ‚Cluster‘ finden, auch die Tümmlertauben wie auch die Kropftauben. Die Angaben über bilaterale Ähnlichkeiten erlauben darüber hinaus Schlussfolgerungen für jeweils besonders interessierende Rassen. Aussagefähiger und weniger irritierend wäre es aber, wenn die Studien stärker mit dem aktuellen Stand der Literaturanalyse verknüpft wären.

Literatur:

Bechstein, Johann Matthäus, Gemeinnützige Naturgeschichte Deutschlands nach allen drey Reichen, 4. Band Leipzig 1795

Bechstein, Johann Matthäus, Gemeinnützige Naturgeschichte Deutschlands nach allen drey Rei­chen. Ein Handbuch zur deutlichern und vollständigern Selbstbelehrung beson­ders für Forst­männer, Jugendlehrern und Oekonomen, Dritter Band, Mit Kupfern, Zweite vermehrte und ver­besserte Auflage, Leipzig 1807

Bigi, D., (University of Bologna) et al., Genetic investigation of Italian domestic pigeons in­creases knowledge about the long-bred history of Columba livia (Aves: Columbidae)' Italian Journal of Zoology, 2016, 173-182, Vol. 73, No. 2

Boitard P. et Corbié, Les Pigeons de volière et de colombier ou histoire naturelle et monographie des pigeons domestiques, Paris 1824

Buffon, Georges Louis Leclerc de, Histoire Naturelle des Oiseaux, Band IV, Paris 1772.

Chapuis, F., Le Pigeon voyageur Belge, Verviers 1865

Dietz, H.,Frankfurt a.M., und G. Prütz-Stettin, Die Tümmler- und Purzlertauben. Ein Beitrag zum Mustertauben=Buch, Stettin 1883 

Doll, Paul, Chronik. 100 Jahre BDRG. Geschichte der Deutschen Rassegeflügelzucht, im Selbstverlag, Reutlingen 1981, S. 49ff.

Dürigen, B., Geflügelzucht nach ihrem jetzigen rationalen Standpunkt, Berlin 1886

Dürigen, B., Geflügelzucht, 2. Aufl., Berlin 1906.

Frisch, Johann Leonhard, Vorstellung der Vögel in Deutschlands und beyläuffig auch ei­niger fremden, mit ihren Farben…Die Zehnte Klasse, die Arten der Wilden, Fremden und Zahmen oder Gemeinen Tauben, Berlin 1763.

Levi, W., The Pigeon, Levi Publishing, Sumter 1963/1969

Neumeister, G., Das Ganze der Taubenzucht oder vollständige auf vielseitige Erfahrungen ge­gründete Anweisung, wie Tauben wie Tauben zu halten und zu warten sind…, Weimar 1837

Neumeister, G., Das Ganze der Taubenzucht., 3. Aufl. von Gustav Prütz XE "Prütz" , Weimar 1876. Unverän­derter Nachdruck Verlag Neumann-Neudamm 1988.

Pacheco, George, und Hein van Grouw, Michael D. Shapiro, Marcus Thomas P. Gilbert und Filipe Garrett Vieira, Darwin’s Fancy Revised: An Updated Understanding of the Genomic Constitution of Pigeon Breeds, GenomeBiol.Evol. 12(3):136–150 doi:10.1093/gbe/evaa027 February 13, 2020

Prütz, Gustav, Der vierte (Leipziger) Geflügelzüchter-Congreß, Columbia Nr. 28/1878, S. 392-399.

Prütz, Gustav, Die Arten der Haustaube. Nach dem Entwurfe der Delegierten des I. Deutschen Geflügel-Tages beschrieben und herausgegeben von Gustav Prütz in Stettin. Dritte umgearbeitete und mit einem Anhang „die Krankheiten der Tauben“ vermehrte Auflage, Leipzig 1878.

Reichenbach, Christian, Domestikation und Rassenbildung. In: Erich Müller (Hrsg.), Alles über Rassetauben. Band 1, Entwicklung, Haltung, Pflege, Vererbung und Zucht, Reutlingen 2000, S. 20-61.

Sell, Axel, Faktencheck zur Entstehungsgeschichte der modernen Brieftaube, Die Brieftaube 143 (2026), Nr. 1, S. 24f.

Sell, Axel, Taubenrassen. Entstehung, Herkunft, Verwandtschaften. Faszination Tauben durch die Jahrhunderte, Achim 2009.

Sell, Axel, und Sell, Jana, Genetics of the Domestic Pigeon, Achim 2025

Sell, Axel, und Sell, Jana, Genetik der Haustaube, Achim 2025

Willughby, F., Ornithologia, Libres Tres, Londini MDCLXXVI (1676).

Willughby, F., The Ornithology in Three Books. Translated into English, and enlarged with many Additions throughout the whole work by John Ray, Fellow of the Royal Society, London 1678.